Es gibt Orte, in die sich nie ein Tourist verirrt. Orte, die nur kennt, wer dazugehört – aus dem Quartier, aus den umliegenden Quartieren, unter Einheimischen still weitergereicht.
Das Midway im Kreis 4 – oder «Cheib», wie Eingeweihte den Stadtteil nennen. Keine kuratierte Karte, kein Interieur-Storytelling, kein «Konzept». Und genau deshalb stimmt es.
Mittwochs gibt es Spaghetti. Bolognese oder Pesto, à discrétion, dazu ein Salat, für neun Franken. Das ist weniger als ein Viertel dessen, was anderswo in Zürich dafür verlangt wird. Wer das weiss, kommt. Und kommt wieder. Und irgendwann kennt er die anderen, die auch immer wieder kommen.
An den anderen Tagen gibt es eine kleine, wechselnde Karte – Schweizerisches, Thailändisches, was Rana gerade interessiert.
So entsteht etwas, das man früher selbstverständlich nannte.
Die Stammgäste hier sind vierzig, fünfzig, manche siebzig und älter. Sie sitzen nicht nebeneinander und schauen auf ihre Telefone. Sie schauen zusammen auf den Bildschirm, wenn Sport übertragen wird, und dann reden sie, rufen, kommentieren, fallen sich ins Wort. Das ist ein Unterschied, der grösser ist, als er klingt.
Man kennt sich. Man kennt die Namen, die Eigenheiten, die Witze, die schon zu alt sind, um noch lustig zu sein – und genau deshalb immer noch funktionieren. Man gehört einfach dazu.
Solche Beizen – so nennen wir in der Schweiz eine Kneipe, ein Stammlokal – werden seltener. Nicht weil niemand sie will. Sondern weil niemand sie gründet.
Einer hat es getan.
Rana, der Inhaber des Midway, kommt ursprünglich aus Bangladesch und arbeitet seit vielen Jahren in der Schweiz, in verschiedenen Restaurants und Bars, bis er sich diesen Traum erfüllt hat: einen eigenen Ort. Einen, der seinen Namen verdient – ein Midway, ein Ort auf halbem Weg, zwischen Zuhause und Welt, zwischen Fremden und Bekannten.
Er begrüsst mit festem Händedruck. Er führt hin und wieder ein kurzes Gespräch, eilt dann in die Küche – und was dort entsteht, ist besser, als man erwarten würde. Das Schweinskotelett mit Pappardelle, diesen breiten, seidigen Nudeln – sonst nichts, und genau das ist der Punkt. Der Fleischkäse mit Ei und raffinierter Garnitur. Oder, wer weiter reisen will, ohne den Stuhl zu verlassen: das thailändische Pad Krapao, scharf und aromatisch und vollkommen am falschen Ort – und deshalb genau richtig. Dann kommt er wieder heraus. Nicht um zu bedienen. Um dabei zu sein.
Das ist Gastgeberschaft. Eine echte, keine gelernte.
Den Service besorgen Pui und Pra, die zum Ort gehören wie die Stammgäste selbst. Keine Profis im klassischen Sinne – aber mit der Wärme und dem direkten Ton von jemandem, der die Gäste kennt und weiss, dass sie wiederkommen.
Der Ort liegt an der Kreuzung Rolandstrasse/Zimistrasse, einer dieser Kreuzungen, die man in Zürich noch findet, wenn man nicht sucht. Maxim, Jazzmusiker aus Kamerun und Besitzer der Spotbar vis-à-vis, nennt sie die schönste Kreuzung von Zürich überhaupt. Mitten im Lärm des Kreises 4, und trotzdem ruhig. Nicht leise – ruhig. Es ist der Unterschied zwischen einem Ort, der Stille erzwingt, und einem, der Gelassenheit zulässt.
Wärme. Heimeligkeit. Das Gefühl, dass dieser Abend zählt.
Der Tisch als Ort, an dem man sich wieder erinnert, wie das geht.
Das Midway übt es. Mittwochs. Und öfter.