Ich mag es, wenn ein Abend über die Tischgrenzen hinausläuft, wenn zwei Runden ins Gespräch kommen, die sich vorher nicht kannten. Der Austausch, der nicht am eigenen Tischtuch endet, ist mir viel wert. Und trotzdem gibt es diesen einen Gast, den jeder kennt, der in jedem Lokal irgendwann auftaucht. Er setzt sich nicht einfach an einen Tisch, er dockt an. An der Theke, an der Bar, oder dort, wo man längst sitzt und plötzlich Gesellschaft bekommt, um die man nie gebeten hat. Er kommt näher, als es das Gespräch verlangt, der Abstand schrumpft mit jedem Satz, und die Sätze haben kein Ende, nur Kommas. Man nickt, weil Nicken die einzige Bewegung ist, die noch bleibt. Das Glas in der Hand wird zum einzigen Fluchtpunkt, den man hat, während der Blick über seine Schulter nach einer Ausrede sucht, die nicht kommt.

Ich habe das oft erlebt, an fremden Theken und an solchen, die mir vertraut sind. Die Theke ist ein Ort, an dem Distanz verhandelt wird, ohne dass je ein Wort darüber fällt. Die meisten Gespräche halten sich an eine stille Übereinkunft, wie viel Nähe erlaubt ist, wie lange ein Blickkontakt dauern darf, bevor er zur Zumutung wird. Und dann gibt es die, die diese Übereinkunft nicht kennen oder nicht kennen wollen. Sie nehmen einen in Beschlag, wörtlich, man wird zum Gehege für einen Redefluss, der keine Rücksicht auf Ausgänge kennt.

Das ist die Seite der Gemeinschaft, über die man ungern spricht. Man erzählt lieber vom Tisch, an dem Fremde sich finden, vom Glas, das zwei Menschen verbindet, die sich vorher nicht kannten. Das ist auch wahr. Aber es ist nur die Hälfte der Rechnung. Wer sich an einen offenen Ort setzt, sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Der Raum kennt keinen Filter für Empathie oder deren Abwesenheit. Wer kommt, kommt, mit seiner Wärme und mit seinem Hunger nach Publikum, und beides sieht sich zum Verwechseln ähnlich, bis man mittendrin steckt.

Es gibt einen alten Gedanken, der sich um die Frage dreht, was wir einander schulden, sobald wir uns überhaupt begegnen. Nicht was wir einander schulden, weil wir uns mögen oder weil ein Vertrag es verlangt, sondern allein, weil ein Gesicht vor einem steht. Diese Schuld kennt keine Kulanzfrist. Sie beginnt, bevor man sie eingegangen ist. Am Tresen wird das sehr konkret. Man schuldet dem, der zu nahe kommt, trotzdem ein Mindestmass an Zuwendung, und genau dieses Mindestmass zieht er ganz aus einem heraus, Satz um Satz, bis der Vorrat für den eigenen Abend knapp wird.

Manchmal steckt hinter dieser Grenzenlosigkeit mehr als schlechte Manieren. Man erkennt es an vier Zügen, die selten allein auftreten: an der fehlenden Empathie, am leisen Entwerten der anderen, an der Empfindlichkeit, sobald ein Wort wie Kritik klingt, und an einer Egozentrik, die kein Gegenüber duldet, nur ein Publikum. Diese vier stören die Gemeinschaft stärker, als den meisten bewusst ist, in der Familie, am Arbeitsplatz und eben auch im Lokal. Der Unterschied ist bloss, dass man einem Tisch leichter entkommt als einer Familie.

Man könnte sagen, das sei der Preis. Nicht der Preis eines Glases, sondern der Preis dafür, sich überhaupt unter Menschen zu begeben. Wer Gemeinschaft will, kann sie nicht stückweise kaufen, nur die freundlichen Teile, nur die, die einem Energie geben. Sie kommt im Ganzen oder gar nicht, mit dem Menschen, der einen still von der Seite beobachtet, ohne ein Wort zu wechseln, und mit dem, der einem zu nahe ins Gesicht spricht und nicht merkt, wie man langsam zurückweicht, Zentimeter für Zentimeter, bis man gegen die Theke stösst und nicht mehr weiterkann.

Ich habe gelernt, das nicht als Missgeschick des Abends zu sehen. Es gehört dazu. Wer die Tür hinter sich zuzieht und sich an einen fremden Tisch setzt, geht diesen Teil stillschweigend mit ein. Die Umklammerung gehört dazu, so wie das Gespräch, das einen tatsächlich weiterbringt, dazu gehört. Man kann das eine nicht ohne das andere haben, so wenig wie man ein Meer ohne Salz haben kann.

Was bleibt, ist die Frage, wie man mit den energieraubenden Momenten umgeht, ohne gleich nach Hause zu gehen. Ich habe keine elegante Antwort darauf, nur eine Beobachtung. Die Begegnungen, aus denen ich am meisten mitgenommen habe, waren selten die leichten. Es waren die, in denen ich blieb, obwohl ich lieber gegangen wäre. Etwas an diesem Ausharren öffnet einen für Dinge, die man sich sonst erspart hätte. Nicht immer angenehm. Aber selten folgenlos.

Vielleicht ist das der eigentliche Preis der Gemeinschaft. Nicht das Geld, das man für ein Glas Wein bezahlt, sondern die Zeit, die man abgibt, ohne sie zurückzubekommen, und die Nähe, die man erträgt, ohne sie gesucht zu haben. Wer das nicht zahlen will, bleibt zu Hause. Wer es zahlt, bekommt gelegentlich etwas dafür, das sich nicht kaufen lässt.