Mitte August, halb neun am Abend. Der Bass kommt nicht durch die Gasse, er kommt über die Dächer, von hinten, von dort, wo die Bühne ihre Rückseite hat. Von der Rückseite klingt Musik nicht nach Musik. Sie klingt nach einem Puls, einem Rauschen und alle paar Minuten nach einer Stimme, die etwas ruft, das man nicht versteht, gefolgt von einem Jubel, der zwei Sekunden zu spät kommt. Ich stehe in der Tür meines eigenen Gastronomiebetriebs und zähle die besetzten Tische. Es geht schnell.

Beschallt wird nicht der Publikumsraum. Beschallt wird die ganze Steinberggasse, bis Mitternacht. Es sind durchaus angenehme Klänge darunter, ganze Sets, bei denen ich stehen bleibe und zuhöre. Und es sind Beats darunter, die den Boden mitnehmen, Gitarrenwände und Kehlen, die schreien, was zwölf Meter vor der Bühne vermutlich grossartig ist und dreissig Meter dahinter nur noch laut. Wer bei uns sitzt, hat sich das nicht ausgesucht. Er wollte essen.

Die Restaurants, die das ganze Jahr da sind, geben sich Mühe. Alle. Das ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern eine Beobachtung aus fünfzehn Jahren: Es gelingt nicht allen, Gäste zu gewinnen und zu halten, aber versucht wird es überall. Wer eine Miete zahlt, eine Bewilligung hat, Personal anstellt und auch dann öffnet, wenn niemand kommt, der macht nicht nur ein Angebot für Gäste. Er macht ein Angebot für den Ort. Eine Gasse ohne Beizen ist ein Korridor.

Früher waren Stadtfeste für uns willkommene Anlässe. Die Leute strömten in die Altstadt, und irgendwann strömten sie auch zu uns herein: für ein Bier vor dem Konzert, für etwas Warmes danach, für die Toilette dazwischen. Ein Zustupf, sagten die einen. Andere hatten die Wochen längst fest eingerechnet, weil sie den Sommer sonst nicht durchgetragen hätten.

In den letzten Jahren hat sich das verschoben. Die Anlässe sind professioneller geworden, und das heisst vor allem: kaufmännischer. Ein Festival finanziert sich nicht mehr nur über Tickets und Sponsoren, sondern über die Verwertung seiner Fläche. Standplätze werden vergeben, Gastroflächen vermietet, Konzessionen ausgeschrieben. Jeder Quadratmeter innerhalb des Perimeters trägt zur Rendite bei. Das ist betriebswirtschaftlich vernünftig und kulturpolitisch nachvollziehbar. Es hat nur eine Nebenwirkung.

Denn was dabei entsteht, ist eine geschlossene Welt. Ein Gerüst aus Rundhölzern, zwei Stockwerke hoch, eine Holztreppe hinauf, Container in Grün und Gelb, eine Sonnensegelbespannung in Pastelltönen. Darunter eine Reihe bunter Schilder: Himalaya Burger. Klaus Kimchi. Tenz Momo. Grill Wraps. Zürcher Wein. Craft Bier Bar. Indian Vegetarian. Li-Beirut. Planted. Und mittendrin, in Weiss auf Gelb, das Schild «Schlemmerei», das den Weg in die interne Gastrozone weist. Es ist gut gemacht, es ist liebevoll gestaltet, und es ist vollkommen austauschbar. Genau dasselbe Gerüst mit genau denselben Schildern könnte in einer Halle im Mittelland stehen, auf einem Parkplatz in Basel oder, wie ein Kollege trocken meinte, auf dem Mond. Der Mond hätte den Vorteil, dass niemand wegen des Lärms reklamiert.

Ausgerechnet die Musikfestwochen sind dafür ein trauriges Beispiel, weil sie eigentlich das Gegenteil waren. Sie entstanden 1976 als ironische Antwort auf die als elitär empfundenen Luzerner Musikfestwochen, mit einem Budget von 1500 Franken, in einem Musiklokal an der Neustadtgasse. Seit 1978 stehen sie in der Steinberggasse — nicht als Fremdkörper, sondern weil eine Handvoll Winterthurer fand, ihre Stadt vertrage mehr Musik. Das Fest kam aus der Altstadt und fand in der Altstadt statt. Heute findet es in Winterthur statt. Das ist ein Unterschied von einem Wort und einer ganzen Beziehung.

Man kann das dem Festival schwer vorwerfen. Es wächst, es zahlt Gagen, Sicherheit, Versicherungen, Löhne. Alles davon ist teurer geworden. Also verwertet es, was es hat: seinen Boden. Nur ist dieser Boden nicht bloss Boden. Er ist eine Gasse, in der ganzjährig Menschen wohnen und arbeiten. Und so entsteht die eigenartige Konstellation, dass ein Anlass, der jahrzehntelang die Beizen füllte, sie heute leert — zwölf Tage lang, mitten in der Saison, bei laufender Miete.

Beim Albanifest ist es anders und läuft doch auf dasselbe hinaus. Das ist das Fest der Vereine, das grösste Altstadtfest des Landes, und die Vereine haben ihr Recht darauf redlich verdient: Sie bauen auf, sie schenken aus, sie räumen ab, und was übrig bleibt, finanziert ein Jahr Turnhalle, Notenpult oder Trainingslager. Nur stehen die ansässigen Restaurants dabei ganz hinten in der Reihe. Direkt vor der eigenen Tür ein Beizli, das dasselbe verkauft, günstiger, mit Freiwilligen statt Angestellten und ohne Fixkosten. Inzwischen schliessen an diesem Wochenende fast alle. Nicht aus Trotz, sondern weil man am Ende mehr bezahlt hat, als hereinkam. Ein Stadtfest, an dem die Gastgeber der Stadt zuschliessen — das muss man erst einmal zustandebringen.

Am Ende ist die Frage nicht, ob ein Fest Geld verdienen darf. Es muss. Die Frage ist, woran man erkennt, dass ein Anlass zu einem Ort gehört. Nicht an den Koordinaten. Nicht am Kirchturm im Hintergrund der Fotos. Sondern daran, wer eingebunden ist, wer mitverdient und wer am nächsten Morgen noch da ist.

Diese Woche wird die Holzkonstruktion zerlegt, und auch das ist laut: Bohrmaschinen ab sieben, Balken, die auf das Pflaster fallen, ein Stapler, der rückwärts piepst, dazwischen Rufe von einem Stockwerk zum anderen. Die Container gehen zurück, das Sonnensegel wird gefaltet, die Schilder verschwinden im Depot bis zum nächsten Einsatz, irgendwo. Zurück bleibt eine Gasse mit ein paar Flecken auf dem Pflaster. Und die Restaurants, die aufsperren wie an jedem anderen Dienstag.