Das Trinkgeld war in der Schweiz nie eine Pflicht, jedenfalls nicht mehr seit den Siebzigerjahren, als der Service in die Preise kam. Übrig blieb das Aufrunden. Vierundvierzig achtzig, und der Gast sagt, stimmt so, und meint fünfzig. Er sagt es beiläufig, während er den Mantel nimmt. Es ist kein Betrag, es ist ein Satz.
Der Satz war nie eine eigene Handlung. Er hing am Zahlen dran, man konnte ihn sagen oder auch nicht, und wenn man ihn nicht sagte, war nichts geschehen. Das Trinkgeld war ein Rest, kein Vorgang.
Das Gerät macht daraus einen eigenen Schritt. Es stellt eine Frage, und Fragen wollen beantwortet werden. Auswahl, Bestätigung, jemand, der daneben wartet, bis es vorbei ist. Deshalb kann man es nicht mehr unterlassen. Man kann es nur noch verneinen.
Am meisten arbeitet das erste Feld. Kein Trinkgeld.
Früher gab man kein Trinkgeld, indem man nichts tat. Man nahm das Rückgeld, sagte danke und ging. Es war kein Ereignis, und Unterlassungen bleiben unsichtbar. Jetzt drückt man mit dem Finger auf eine ausgeschriebene Verneinung, vor jemandem, der zwanzig Zentimeter entfernt steht. Aus einem Rest ist eine Antwort geworden.
Ich habe Gäste gesehen, die dabei kurz erstarren. Nicht weil sie geizig wären. Weil sie merken, dass sie etwas sagen müssen, was sie nie hätten sagen wollen.
Das Personal hat dafür eine Choreografie, nirgends aufgeschrieben und überall gleich. Gerät hinhalten, Kopf um dreissig Grad weg, Blick auf einen Punkt an der Wand, der plötzlich sehr interessant ist. Manche machen zwei kleine Schritte zurück, so weit der Anstand es erlaubt. Es bedeutet: Ich sehe nicht hin. Es funktioniert nicht. Beide wissen, dass hingesehen werden könnte, und mehr braucht es nicht.
Die Prozente kommen von woanders her. Fünf, zehn, fünfzehn ist die Sprache eines Landes, in dem der Lohn am Gast hängt. Bei uns sind die Löhne in der Rechnung, wie die Mehrwertsteuer. Die Zahlen sind kein Massstab, sie sind eine Voreinstellung. Und sie stammt nicht vom Hersteller, sie ist gewählt. Irgendwer im Betrieb hat entschieden, welche drei Zahlen erscheinen und welche in der Mitte steht, denn wer drei Zahlen nebeneinander sieht, nimmt die mittlere. Das ist keine Grosszügigkeit, das ist Gestaltung. Prozente haben dabei genau einen Vorteil, und der gehört nicht dem Gast: Sie steigen mit dem Betrag.
Etwas anderes ist stiller verschwunden. Das Münz auf dem Tisch gehörte dem Abend. Wer es einstrich, wusste, von welchem Tisch es kam. Der digitale Betrag hat keine Herkunft. Er wird verbucht, verteilt, abgerechnet und kommt später an, korrekt und ohne Gesicht. Die Zahlen stimmen. Nur weiss niemand mehr, wer gemeint war.
Das ist keine Nostalgie. Die Abrechnung ist sauberer, die Verteilung gerechter, und die alten Kässeli waren kein Vorbild an Transparenz. Ich verteidige das Münz nicht. Ich stelle fest, dass wir etwas verloren haben, das nirgends verbucht war.
Ein Geschenk braucht die Möglichkeit, unbemerkt zu unterbleiben. Sonst ist es keines. Wer nicht schweigend nein sagen kann, dessen Ja ist kein Ja mehr. Das Terminal macht die Grosszügigkeit sichtbar und zerstört sie im selben Moment.
Und es funktioniert. Die Beträge sind gestiegen, seit die Geräte fragen. Sie sind gestiegen, weil das Gerät fragt, nicht weil die Abende besser geworden sind. Das ist der Handel, den die Branche gemacht hat, meist ohne es zu merken. Mehr Trinkgeld, weniger von dem, was Trinkgeld war.
Manchmal legt jemand nach dem Tippen noch ein Zweifränkler auf den Tisch. Auf den Tisch, nicht ins Gerät. Ich habe nie gefragt, weshalb. Aber es liegt dann da, ohne Beleg und ohne Prozentzeichen, und jeder im Raum versteht es sofort.