Im Untergeschoss eines Restaurants, das zu einer grösseren Zürcher Gastronomiegruppe gehört, stand ich zwischen zwei Türen, die sich gegenüberlagen. Auf beiden dieselbe Tafel. Oben ein Wort in asiatischer Schrift, darunter «toilet», darunter ein Raster aus achtundzwanzig Zeichen. Mars, Venus, Mars mit Venus, Venus mit Venus, drei Kreise ineinander, ein Kreis mit Fragezeichen, ein durchgestrichener Kreis, mittendrin ein Rollstuhl. Ich kannte etwa die Hälfte. Keines sagte mir, welche Tür meine war.

Fünfzehn Jahre Gastronomie, und ich stand vor zwei Türen wie vor einer Prüfung. Nicht, weil mir die Idee fremd gewesen wäre, Unisex-WCs gibt es in jedem zweiten Café. Fremd war die Tafel: ein Schild, das «toilet» sagt und darunter achtundzwanzig Antworten auf eine Frage gibt, die ich nicht gestellt hatte. Dann dämmerte es mir: Beide Türen waren für alle. Das Raster sagte nicht, wer hinein darf. Es sagte, dass alle hinein dürfen, in einer Sprache, die man erst lernen muss. Für einen Moment fühlte sich das an wie ein bestandener Intelligenztest, nur dass nicht die Intelligenz geprüft wurde, sondern ob man auf der Höhe der Zeit ist. Ich öffnete eine, mit leicht schlechtem Gewissen, und war erleichtert, dass niemand drin war. Ich wusch die Hände schneller als sonst.

Als ich hinaustrat, stand eine Frau vor mir. Asiatisch, Mitte dreissig, mit dem Blick einer Person, die schon eine Weile vor den Tafeln gestanden hatte. Sie fragte auf Englisch, wo die Damentoilette sei. Ich sagte, vermutlich seien beide Türen in Ordnung, das sei hier inzwischen so üblich. Sie nickte so, wie man nickt, wenn man nichts verstanden hat und nicht noch einmal fragen möchte. Sie war durchgefallen. Sie hatte die Frage gestellt, die man nicht mehr stellt.

Oben erkundigte ich mich, ob die Toiletten tatsächlich so gemeint seien, wie ich es verstanden hatte, und ob man das deutlich genug finde. Unten stehe gerade eine Frau, die nicht wisse, wohin. Die Antwort kam ohne Pause und ohne Blick. Genderneutral. Ein Wort, im Tonfall einer Bandansage. Es antwortete mir nicht die Person, es antwortete das Wort. Die Frau unten kam darin nicht vor.

Ich habe nichts gegen genderneutrale Toiletten. Mein Einwand betrifft nicht das Konzept, er betrifft die Tafel.

Ein Schild an einer Tür hat genau eine Aufgabe. Es richtet sich an den, der das Haus nicht kennt. Schilder sind für Fremde. Sobald ein Schild zur Aussage wird, hört es auf, ein Schild zu sein. Das Wort «toilet» stand ja da. Nur schaut vor einer Toilettentür niemand auf das Wort. Der Blick sucht das Piktogramm, so ist er seit fünfzig Jahren abgerichtet, und er fand achtundzwanzig. Wer achtundzwanzig Zeichen anbietet, sagt nicht «alle». Er sagt «such dir eins aus». Zwei identische Türen mit achtundzwanzig Zeichen sind nicht inklusiv, sie sind ein Rätsel.

Eine Massnahme, die niemanden ausschliessen will, richtet sich an alle. Wer sich an alle richtet, meint niemanden bestimmten. Und wer niemanden bestimmten meint, kann auch niemandem mehr die Tür zeigen. Das Raster will jede Identität abbilden und bildet darum keine Tür mehr ab. Die Offenheit erzeugt eine Schwelle, genau dort, wo vorher keine war. Die Frau zwischen den beiden Türen ist nicht die Ausnahme von der Inklusion. Sie ist ihr Ergebnis.

Nebenbei: Im Kanton Zürich müssen Betriebe ab fünfzig Plätzen seit 1982 getrennte Toiletten anbieten. 2023 wollte der Regierungsrat daran festhalten, aus Rücksicht auf die Sicherheit von Frauen. 2025 stimmte der Kantonsrat für die Lockerung, mit FDP, SVP und SP, gegen die Bedenken von GLP und Grünen. Wer glaubt, er wisse, wo in diesem Land die Linien verlaufen, sollte gelegentlich die Abstimmungslisten lesen.

Dieselbe Gastronomiegruppe nimmt kein Bargeld mehr an. Sie legt ihr Lohnsystem offen, hat einen Nachhaltigkeitsbericht, Strom aus Wasserkraft, gratis Leitungswasser, eine geprüfte Lohngleichheitsanalyse und mehrere Dutzend Führungsgrundsätze. Ich habe auch die gezählt. Es sind achtundvierzig.

Ich zähle das nicht auf, um mich lustig zu machen. Das meiste ist achtbar, einiges besser als das, was ich selber zustande bringe. Ich zähle es auf, weil in der Summe eine Haltung sichtbar wird, die man einzeln nicht sieht.

Ein Haus mit achtundvierzig Führungsgrundsätzen hat eine Vorstellung davon, wie richtig geführt wird. Ein Haus ohne Bargeld weiss, wie richtig bezahlt wird. Ein Haus mit achtundzwanzig Zeichen an der Toilettentür weiss, wie richtig auf die Toilette gegangen wird. Der Betrieb weiss in all diesen Fragen bereits, was gut ist, und der Gast darf es noch lernen.

Gastlichkeit kippt an dieser Stelle in etwas anderes. Nicht in Feindseligkeit, dafür ist alles zu gut organisiert. Eher in Erziehung.

Und der Preis dafür wird selten von denen bezahlt, die ihn festgelegt haben. Gegen die Bargeldlosigkeit spricht nur, wer mit Bargeld bezahlt: die ältere Frau, das Kind mit dem Sackgeld, der Mensch, der nicht möchte, dass sein Znacht in einer Datenbank steht. Das sind nicht viele. Sie sind einfach nicht mehr gemeint. Wer nur etwas trinken will, ist an manchen Orten ebenfalls nicht mehr gemeint. Ein Platz wird pro Stunde kalkuliert, und ein Bier passt schlecht in diese Rechnung. Dabei war die Beiz jahrhundertelang der Ort, an dem man sitzen durfte, ohne ein Programm zu haben. Wie eine Bank im Park, nur warm.

Dazu kommt, dass die Gastronomie den Zeitgeist selten gelassen aufnimmt. Sie sucht ihn, und sie sucht ihn angestrengt. Die Karte wird vegan, das Leitungswasser wird zum Statement, die Bestellung läuft über einen QR-Code am Tisch, das WC wird neutral, und jede dieser Bewegungen tritt als Haltung auf, bevor sie sich im Alltag bewährt hat. Dabei war das Wirtshaus lange der Ort, an dem die Zeit etwas langsamer lief als draussen. Heute läuft sie dort schneller. Ein Betrieb, der jede Wendung mitgeht, wirkt nicht offen. Er wirkt atemlos.

Das ist keine Verschwörung des woken Zeitgeists. Es ist banaler und darum interessanter: Haltung und Kalkulation zeigen erstaunlich oft in dieselbe Richtung. Die neutrale Toilette ist ein Zeichen der Offenheit und spart eine Nasszelle. Die Bargeldlosigkeit ist ein Zeichen der Transparenz und spart die Kasse. Es ist nicht so, dass solche Betriebe lügen. Es ist so, dass sich ihre Werte und ihre Zahlen auffallend selten widersprechen.

Bleibt die Lohntransparenz, die Probe aufs Ganze. Ein offengelegtes Lohnsystem ist in dieser Branche radikaler als jedes Türschild, und es kostet den Betrieb etwas. Ich kenne wenige Wirte, die das aushalten würden, und bin mir bei mir selber nicht sicher.

Dann liest man, wie die Auskunft im Alltag funktioniert. Wer den Lohn einer Kollegin wissen will, füllt ein Formular aus: eigene Personalnummer, eigener Name, dazu Name, Betrieb und Funktion der Person, um die es geht. Danach ruft das Personalbüro zurück und nennt die Zahl am Telefon. Schriftlich wird nichts herausgegeben.

Man kann das mit dem Datenschutz begründen, und die Begründung ist nicht schlecht. Es bleibt trotzdem: Wer das Recht ausübt, meldet sich mit Namen an, nennt die Person, über die er etwas wissen will, und erhält die Antwort mündlich, von der Stelle, die auch die Löhne festsetzt. Offen ist das Prinzip. Der Weg dorthin führt durchs Büro.

Es ist dieselbe Bewegung wie unten an der Tür. Etwas wird allen zugesprochen und so ausgestaltet, dass die Ausübung ein wenig Mut braucht. Die Offenheit ist echt. Sie hat nur einen Tresen davor.

Gastfreundschaft ist keine Haltung, die man erklärt. Sie ist eine Frage, die man beantwortet. «Wo ist die Toilette» gehört zu den ältesten dieser Fragen. Der Gast ist definitionsgemäss der, der das Haus nicht kennt, und alles, was ein Gastgeber tut, ist Übersetzung des Hauses für jemanden, der es zum ersten Mal betritt. Ein Haus, das seine Werte besser erklärt als seine Räume, hat die Richtung umgedreht. Nicht mehr das Haus erklärt sich dem Gast. Der Gast muss das Haus verstehen.

Die Frau wird die Geschichte jemandem erzählt haben, wo immer sie zu Hause ist. Die Tür, an der achtundzwanzig Zeichen stehen und keines für sie. Was ich ihr hätte sagen wollen, war ehrlicher: dass ihre Frage hier keine Antwort hat, nur eine Haltung. Fünfzehn Jahre in diesem Beruf, und ich hatte ihr nichts Besseres zu bieten als eine Vermutung.

Sie bedankte sich. Als ich die Treppe hinaufstieg, stand sie noch immer zwischen den beiden Türen.